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Blog (Tagebuch - Vermischtes)

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Wie Kennzahlen in die Irre führen können: Beispiel Bildungsausgaben

Natürlich wollen wir in der Bildung gut sein, sie ist ja Voraussetzung für individuellen und gesellschaftlichen Wohlstand. Deshalb trifft es uns wenn uns die OECD bescheinigt, wir würden dafür zu wenig Geld ausgeben. Und der Anteil der Bildungsausgaben am BIP, dem Bruttoinlandsprodukt, ist deshalb auch ein erklärtes Ziel deutscher und europäischer Politik.

  • Wenn die Rezession kommt, sinkt das BIP. Die Bildungsausgaben sind festgeschrieben und bleiben gleich, ihr Anteil am BIP aber steigt logischerweise. In Sachen Bildung stehen wir auf einmal besser da? Ein seltsames Ergebnis einer Rezession.
  • Die Zahl der Schüler sinkt entsprechend der demographischen Entwicklung, es sinkt dann auch der Anteil der Bildungsausgaben am BIP, schlicht weil wir weniger für Schüler ausgeben müssen, selbst wenn wir jeden einzelnen Schüler maximal fördern. Im Ländervergleich stehen wir schlechter da als Länder, die einen höheren Anteil an Schülern haben. Aber ist unser Bildungswesen deswegen auch schlechter?

Richtiger wäre es wohl, die Ausgaben pro Kopf zu vergleichen, und da stehen wir im internationalen Vergleich im Mittelfeld, also zwar nicht besonders gut, aber auch nicht so schlecht wie beim Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt. Aber auch das ist eine problematische Größe, denn gerade der Vergleich der Bildungsausgaben pro Schüler mit den Bildungsergebnissen im Rahmen der PISA-Studien hat ergeben, dass mehr Geld nicht unbedingt bessere Bildungsergebnisse bringt, es kann sogar das Gegenteil eintreten, z. B. wenn man in kleinere Klassen investiert und damit die Qualität der Bildung verschlechtert.

Aus nackten Zahlen politische Schlussfolgerungen zu ziehen kann teuer und sogar gefährlich werden. Merke: "Daten sprechen nicht": ohne eine sinnvolle Interpretation in Kenntnis der Hintergründe (und möglicherweise Abgründe) der Daten sollte man aus Zahlen keine Bewertungen ableiten. Sie können nur ein Hilfsmittel für informiertes Entscheiden sein. Burkhardt Krems, 2011-11-30


Zum Tode von Steve Jobs: Sein Geheimnis war seit langem bekannt und wissenschaftlich untermauert - man musste es nur anwenden

"Steve Jobs wusste, was wir wollten, bevor wir es wussten. Als er zuletzt das iPad herausbrachte, wusste auch noch keiner, dass er es brauchte. Unter den ersten Kommentatoren fanden sich viele Zweifler, die nicht einzusehen vermochten, was das Ding in unserem Leben zu tun habe und wofür es taugen könne. Wenn Jobs jetzt allenthalben als Visionär gerühmt wird, vom Präsidenten seines Landes bis zum pseudonymen Blogger, dann gestehen wir damit auch ein, dass er erst unsere Augen öffnete und unsere Wünsche formulierte, bevor er sie erfüllte. In soviel Voraussicht lag etwas Unheimliches." So Jordan Mejias zum Tod von Steve Jobs in der FAZ vom 7.10.2011, Seite 33.

Was in Würdigung von Steve Jobs heute als das Markenzeichen von Apple gepriesen wird, hat bereits seit 1978 eine wissenschaftliche Grundlage im Kano-Modell der Kundenzufriedenheit: Erfolgreiche Produkte müssen "Begeisterungsmerkmale" erfüllen, die den Kunden überraschen und ihm etwas geben, womit er nicht gerechnet hat. Es reicht also nicht aus, dem Kunden nur das zu geben, was er erwartet.

Das Kano-Modell der Kundenzufriedenheit war das Ergebnis umfangreicher Kundenbefragungen im Rahmen der Weiterentwicklung von umfassendem Qualitätsmanagement (TQM). Wie bei anderen Aspekten des Qualitätsmanagements beschreibt es die Notwendigkeit, voraus zu denken statt eingetretenen oder sich abzeichnenden Entwicklungen zu folgen. Wer nur das tut, was schon als Erwartung formuliert worden ist, wird die Erwartungen enttäuschen. Wer nur die Anforderungen an Sicherheit, Umweltschutz und soziale Standards erfüllt, die von ihm ohnehin verlangt werden, wird diese Standards immer unterschreiten, jedenfalls Kunden nicht begeistern, sich von Konkurrenten nicht abheben. Deshalb verlangt Qualitätsmanagement, solche Standards zu übertreffen. Deshalb verlangt Qualitätsmanagement, Kundenanforderungen zu übertreffen. Und, in Weiterführung dieser Erkenntnisse, formuliert Kano, dass Kundenbefragungen keine Grundlage sind, Kunden zufrieden zu stellen: Kunden wissen nicht unbedingt, was sie wollen, wenn sie die technischen Möglichkeiten kennen würden, die verfügbar sind oder entwickelt werden können - so wie Apple unter Steve Jobs es gemacht hat.

Was mangelndes Vorausdenken noch für Konsequenzen haben kann, haben die jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrisen gezeigt.

Mit der Feststellung, dass das Managementprinzip bekannt war, nach dem Steve Jobs gehandelt hat, wird seine besondere visionäre Leistung nicht geschmälert, mit der er dieses Prinzip umgesetzt hat. Apple hat unter seiner Führung der Informations- und Kommunikationstechnik neue Anwendungsmöglichkeiten erschlossen, die vorzustellen und in ein Gesamtkonzept zu integrieren andere nicht einmal versucht haben.
Burkhardt Krems, 08.10.2011


Modernes Public Management in den USA: Cohen u. a., 2008

Ein Klassiker des Public Management in den USA, erschienen 1988, liegt inzwischen in 4. Auflage vor. Er dokumentiert die Entwicklung (in der im  Internet verfügbaren  Einleitung) und beschreibt, was Public Manager benötigen, denn "wir brauchen eine bessere Aus- und Fortbildung für heutige und künftige Manager im öffentlichen Sektor". :

"That is one of the aims of this book: to help make public managers more strategic, creative, and  flexible —  more fundamentally effective" (S. 16).

Er fasst zusammen, was für eine effektive und ehrliche Verwaltung erforderlich sei, zu allererst:

"Hold managers accountable for performance. If the parks are dirty, fire the parks commissioner." (Cohen u. a., 2008, S. 15)

Aus deutscher Sicht:

1. Besteht das gleiche Defizit in der Ausbildung für Public Management,

2. erscheint es verlocken, den Grundsatz "Manager in der Verwaltung für Ergebnisse verantwortlich zu machen" einzufordern, aber es zeigt sich das deutsche Problem:

Ergebnisse / Wirkungen, an denen deutsche Verwaltungsmanager gemessen werden könnten, fehlen: dann läuft auch eine derartige Regel leer.

Die Probleme deutscher Verwaltungen sind also noch grundlegender als in manchen anderen Ländern, in denen das Denken in Wirkungen ebenso selbstverständlich ist wie in der Politik auf europäischer Ebene, bei der OECD, in der Entwicklungspolitik weltweit.

Burkhardt Krems, 26.01.2011


Kontrolle, koste es, was es wolle?

Bis zum Bundesfinanzhof ging der Streit über Fehler in einem Fahrtenbuch: das Finanzamt hatte die Eintragungen nicht anerkannt, weil es in einem Zeitraum von 4 Jahren drei Fehler entdeckt habe wollte, die z. T. erst durch den Vergleich mit Werkstattrechnungen erkennbar waren. Der BFH musste klarstellen, dass Perfektion vom Steuerbürger nicht verlangt werden kann: "Kleinere Mängel führen nicht zur Verwerfung des Fahrtenbuchs ..., wenn die Angaben insgesamt plausibel sind."

Was der BFH nicht erörtert hat: mit welchem Aufwand ist hier geprüft worden, mit welchem Aufwand sind dann diese angeblichen Mängel durch die Instanzen eines gerichtlichen Verfahrens verfolgt worden: was hat es den Steuerzahler gekostet? Ist es wirtschaftlich vertretbar, alle Aufzeichnungen über 4 Jahre im Detail zu überprüfen und sie auch noch mit Daten aus Werkstattrechnungen abzugleichen - bei einem Stundensatz eines Prüfers von mindestens 40 Euro und der relativ schnell möglichen Einschätzung, dass im Wesentlichen richtig aufgezeichnet wurde? Was hat es gekostet, diese Frage durch Rechtsbehelfs- und Gerichtsinstanzen zu treiben, wieviele Stunden sind dafür aufgewendet worden mit einem Stundensatz von mindestens 50 Euro und einem erheblichen Prozesskostenrisiko? Welches Maß an Aufwand für eine lückenlose und fehlerfreie Buchführung verlangt das Finanzamt vom Steuerbürger - mehr, als es selbst zu leisten bereit ist?

Wenn die Finanzverwaltung ihre knappen Kontrollkapazitäten in dieser Weise falsch verwendet, wagt man gar nicht, mehr Kapazitäten zu fordern: es ist fraglich, ob damit wirklich mehr (an Einnahmen und Steuergerechtigkeit) herauskommt.

Auch Kontrolle kostet und ist deshalb wirtschaftlich zu betreiben: hier ist Management gefragt, das sich an klaren Zielen orientiert und knappe Ressourcen zielorientiert einsetzt, statt Perfektion um jeden Preis zu betreiben: die Kapazitäten, die in dieser Weise verschwenden werden, fehlen für die wirklich wichtigen Arbeiten. 

Wirtschaftswissenschaftlich: Kontrollkosten sind Teil der Transaktionskosten, die in den Wirtschaftswissenschaften 1937 entdeckt wurden, vor mehr als 70 Jahren. Wann entdeckt die öffentliche Verwaltung diesen Sachverhalt und seine typischen Probleme?

Quellen:

Entscheidung des Bundesfinanzhofs vom 10.4.2008, VI R 38/06  

Zu Transaktionskosten:

  • Der erste Beitrag dazu: Coase, Ronald H.: The Nature of the Firm. In: Economica, Vol. 4, 1937, S. 386 - 405.

  • Rückblick auf die Entwicklung in der Vorlesung zur Verleihung des Nobenpreises 1991: Coase, Ronald H.: The Institutional Structure of Production. Lecture to the memory of Alfred Nobel, December 9, 1991. http://nobelprize.org/nobel_prizes/economics/laureates/1991/coase-lecture.html.

Burkhardt Krems, 12.01.2011


Appell an die Vernunft ist unvernünftig?

Gemeingüter (Allmende) können doch gemeinsam genutzt werden - der Nachweis brachte 2009 den Wirtschafts-Nobelpreis

"Allmende kollabiert", die gemeinsame Bewirtschaftung von Ressourcen durch die Nutzer scheitert, zwangsläufig, schreibt Rolf Dobelli in der FAZ vom 10. Januar, weil Menschen sich nun mal nicht "vernünftig" im Interesse des Gemeinwohls verhalten, und erläutert dies in typisch ökonomischer Denkweise am Beispiel der Bewirtschaftung von Weideland: jeder Bauer wird noch weitere Kühe auf die Weide schicken, weil es ihm persönlichen Vorteil bringt und die Nachteile für die Allgemeinheit ihn ja nur zum geringen Teil treffen. Die zwangsläufige Folge: Überweidung, und alle leiden unter den Ergebnissen. Also bleiben nur die Alternativen Staat oder Privatisierung. 

Der Beitrag ist ein gutes Beispiel dafür, wohin Theorie führen kann. Denn Elinor Ostrom hat sich in der Welt umgeschaut und überall Beispiele dafür gefunden, dass Allmende, die Verwaltung von Gemeingütern durch die Gemeinschaft der Nutzer, funktionieren und sogar bessere Ergebnisse bringen kann als staatliches Management oder der Markt, und dafür 2009 den Wirtschafts-Nobelpreis bekommen. Das hätte dem Autor auffallen sollen. Aber die scheinbar zwingende Logik seines Beitrags hat wohl verhindert, überhaupt nach der Falsifizierung seiner These zu suchen - dabei wissen wir doch spätestens seit Karl Popper, dass wir immer wieder diesen Versuch machen und uns damit der Realität stellen müssen.

Richtig ist: der "Appell" reicht nicht aus, es muss schon mehr geschehen, damit Allmende funktioniert, aber dies, scheinbar "unvernünftige" weil ökonomischer Rationalität widersprechende Verhalten der Einzelnen ist möglich, es funktioniert weltweit, flexibler und besser als die Verwaltung von Gemeingütern durch den Staat, und auch der Markt schafft es nicht besser.

Das ist übrigens ein typisches Problem der Wirtschaftswissenschaften, wenn und soweit sie sich auf theoretische Überlegungen beschränken statt sich die Wirklichkeit anzuschauen, wie es immer wieder mit überraschenden Ergebnissen geschieht, siehe zum Beispiel Henry Mintzbergs Aufklärung über die Fehlqualifikation durch die klassische Ausbildung der Manager nicht nur in den USA, mit Folgen bis zur Finanzkrise. Oder auch: in den Wirtschaftswissenschaften muss Karl Popper zum Teil erst noch entdeckt werden.

Quellen:

Der FAZ-Beitrag: Rolf Dobelli, FAZ vom 10. Januar 2011, Seite 28, und in seinem Sachbuch-Bestseller "Die Kunst des klaren Denkens. 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen". München 2011, S. 77-79. Er bezieht sich auf die Arbeiten des Mikrobiologen Garrett Hardin, der 1968 (!) die "Tragik der Allmende" beschrieb, woraus Dobelli z. T. wörtlich zitiert, siehe Garrett Hardin: The Tragedy of the Commons. In: Science, 162(1968): 1243-1248

Zu Allmende / Gemeingütermanagement

  • Ostrom, Elinor (2009): Beyond Markets and States: Polycentric Governance of Complex Economic Systems. Prize Lecture, December 8, 2009. Online-Quelle.

  • Ostrom, Elinor (2009): Gemeingütermanagement – eine Perspektive für bürgerschaftliches Engagement. In: Helfrich. Silke (Hrsg.): Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter. München , S. 218-228, Online-Quelle

  • Aus der Würdigung des Nobelpreis-Komitees:

    Elinor Ostrom has challenged the conventional wisdom that common property is poorly managed and should be either regulated by central authorities or privatized. Based on numerous studies of user-managed fish stocks, pastures, woods, lakes, and groundwater basins, Ostrom concludes that the outcomes are, more often than not, better than predicted by standard theories. She observes that resource users frequently develop sophisticated mechanisms for decision-making and rule enforcement to handle conflicts of interest, and she characterizes the rules that promote successful outcomes.

Zu Theorie und Realität des Managements und zur Managerausbildung:
  • Mintzberg, Henry: Mintzberg über Management. Führung und Organisation, Mythos und Realität. Wiesbaden 1989
  • Mintzberg, Henry: Manager statt MBAs. Eine kritische Analyse. Frankfurt am Main 2005 (erweiterte Fassung von: Managers Not MBA´s: A Hard Look at the Soft Practice of Managing and Management Development“, San Francisco, 2004)

Dr. Burkhardt Krems, 12.01.2011


Ausbildung für die öffentliche Verwaltung: funktioniert der Arbeitsmarkt?

Verkaufte Abschlüsse - nicht nur ein Problem der Verwaltungsausbildung

Das angelsächsische Hochschulsystem, in das deutsche System von Berechtigungen übertragen, führt zur Fehlsteuerung: welche durch Studiengebühren am Leben erhaltene Hochschule hat ein Interesse, Studierenden den endgültigen Misserfolg zu bescheinigen und sie als Zahler aus der Hochschule zu entfernen? So kann sogar der Zugang zu Führungsfunktionen über  "gekaufte" Masterabschlüsse erlangt werden. Kontrollen zur Verhinderung von Missbrauch fehlen, die Akkreditierung ist dazu untauglich. ... Mehr ...



Dahrendorf über Politik / Politikerschelte

Gefährden wir unser Gemeinwesen mit dem beliebten Schimpfen auf "die" Politik?

"Politik verächtlich zu machen, nur weil sie nie ganz gelingen kann, hieß für Dahrendorf, die einzige Möglichkeit zu gefährden, über die moderne Gesellschaften verfügen, um ein friedliches Zusammenleben - "Einheit in Vielfalt" - vielleicht doch zu gewährleisten." 

Wolfgang Streeck, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, in seinem Nachruf auf Dahrendorf, FAS vom 21.06.2009, S. 32.

Auf "die" Politik und "die" Politikerinnen und Politiker zu schimpfen ist beliebt, man ist sich des Beifalls sicher, aber ist es auch berechtigt und unserer Demokratie zuträglich? Überschätzen wir nicht vielleicht, was Menschen möglich ist und wie komplexe Gesellschaft funktioniert?

Das Schimpfen ist immer mit einer radikalen Vereinfachung der Probleme verbunden - so funktioniert aber kein Lebensbereich. Die Eigengesetzlichkeit der Politik (Inhalte, Macht, sie durchzusetzen, das Problem der Vermittlung der Probleme, Lösungen gegenüber der Öffentlichkeit, usw.) sollten wir anerkennen. Die tschechischen Reformer das Prager Frühlungs haben dazu Bemerkenswertes gesagt, was auch heute noch lesens- und bedenkenswert ist!

Burkhardt Krems, 21.06.2009

 


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